Die Geschichte hinter der Geschichte – wie die Verschwisterung begann

Es ist ein wunderschöner Herbsttag, der strahlend blaue Himmel konkurriert mit dem gelb und rot der Laubbäume und die Sonne zeigt noch mal wärmende Kraft. Wir stehen in einem typischen Odenwälder Waldstück mit Laubbäumen im Eberbacher Tal. Jean-Pierre, der französische Märchenerzähler, er meint, das ist wie in einer gotischen Kathedrale. Die hohen Buchenstämme gleichen Säulen und das Dach der Äste und Blätter schließt sich über uns. An einen Stamm gelehnt steht der alte Bauer, Friedrich. Er hat es sich nicht nehmen lassen, trotz Schmerzen gestützt auf zwei Holzstöcke mit uns hier herauf zu kommen. Sein Gesicht hat immer noch ein verschmitztes Lachen und es zeigt keinerlei Spuren von Bitterkeit oder Harm. Er hat ihn gleich gefunden, seinen Baumstamm, in den er mit seinem französischen Freund zusammen die Anfangsbuchstaben ihrer beider Namen eingeritzt hat: Louis Clouet und Friedrich Pfeiffer.

Heutzutage kann nur ein Eingeweihter die Buchstaben in der alten, rissigen Rinde erkennen. Friedrich war damals ein 14jähriger Bub und Louis war gerade vier Jahre älter. Zusammen verrichteten sie die Arbeit auf dem Bauernhof, die ihnen angewiesen wurde, zusammen saßen sie am Tisch und aßen (das war den Kriegsgefangenen eigentlich streng untersagt, 1943), zusammen sangen sie die Marseilleise (das hätte 1943 das Todesurteil für Friedrich bedeuten können). Sie waren echte Freunde und das blieben sie auch. Die sechsköpfige französische Sagentage-Delegation ist sichtlich berührt und auch begeistert, und die Kamerablitze flirren nur so. Den deutschen Gastgebern geht es ebenso.

Wieder unten auf dem Hof bei einem Glas frischem Süßen erzählt Friedrich, dass sie beide dann getrennt wurden durch das Kriegsgeschehen, Friedrich musste auch an die Front, sie verloren sich lange aus den Augen, aber sie fanden sich wieder nach diesem schrecklichen Krieg. Sie besuchten sich gegenseitig, und auch Louis‘ Tochter Nicole kam nach Reichelsheim mit. Sie war wohl ebenso beeindruckt von den Erzählungen Ihres Vaters wie wir von diesem Buchenstamm, denn auf Grund ihres Einwirkens als Lehrerin entstand der Schüleraustausch zwischen der Reichelsheimer GAZ und dem Collège Paul Féval in Dol de Bretagne.

Es ist immer wieder wunderbar zu erkennen, wie viele positive Kontakte es dadurch gab, wieviele schöne Erinnerungen, wie viele Umarmungen und strahlende Augen zwischen den Schülern. Ja, und das alles führte dann 1995 endlich zur deutsch-französischen Städtepartnerschaft mit Dol de Bretagne, deren Aufgabe es in erster Linie ist, die alten deutsch-französiche Feindschaften und Vorurteile zu überwinden und neue Freundschaften zu knüpfen.